REZENSION

Menschliche Abgründe

Rezension von Tina Full

John war damals gerade mal fünfzehn. Während für Gleichaltrige das Leben erst richtig begann, wandelte sich seines zu einem Albtraum.

Alles begann mit einer Party. John war zum ersten Mal verliebt – in Mary Alice. Er startete seine ersten zaghaften Annäherungsversuche, hoffte, dass es zum ersten Kuss kommen würde. Als ihn Mary Alice mit auf ihr Zimmer nahm, sah er sich nahe am ersehnten Ziel. Um sich Mut zu machen, schnupfte er eine Prise Koks. Den ersten Kuss bekam er noch bei wachem Bewusstsein mit, dann haute es ihn um. Als er am nächsten Morgen wieder zu sich kam, war Mary Alice tot.

Als die Ermittlungen begannen, sprach alles gegen John. Er lag neben dem toten Mädchen im Bett, und er hatte Spuren im Zimmer hinterlassen. Mary Alice war übel zugerichtet: Blutergüsse überall an ihrem Körper, die Brust voller Bisse, ausgerissene Schamhaare, Blut im Mund. Jemand hatte ihr die Zunge abgetrennt. Das Tatmesser wurde in Johns Schrank gefunden. Das Gericht entschied, dass er nach Erwachsenenstrafrecht zur Rechenschaft gezogen werden sollte.

Die Tat eines Drogensüchtigen?

John war in einem der besseren Viertel Atlantas aufgewachsen. Seine Mutter kümmerte sich hingebungsvoll um die Familie und war im Elternbeirat tätig. Sein Vater war Arzt und ging in seiner Arbeit auf, Johns Schwester glänzte durch ihre schulischen Leistungen. Das Leben der Familie war perfekt, außer für John.

Als seine Mutter in der Hosentasche ihres pubertierenden Sohnes ein weißes Pulver fand, machte John ihr weis, es sei Aspirin. Seine Mutter glaubte ihm. Dass ihr Sohn Drogen nahm, glaubte sie erst, als er nach einer Überdosis Kokain in der Notaufnahme aufwachte. Mutter und Vater fragten sich, warum ihr Sohn süchtig geworden war, aber ihre eigene Rollte hinterfragten sie nicht. „Du bist nicht mein Sohn“, lautet die Reaktion seines Vaters.

John war sechzehn, als er ins Gefängnis kam. Bei seiner Entlassung ist er 35. Nun hofft er auf einen Neuanfang. Doch er hat seine Rechnung ohne den großen Unbekannten gemacht.

Der Albtraum geht weiter

Ein paar Monate nach Johns Freilassung, werden im Großraum Atlanta drei Angriffe auf junge Mädchen verübt. Was die drei Fälle eint: Der Täter trug eine schwarze Skimaske, vergewaltigte seine Opfer mit Kondom und – biss ihnen die Zunge ab.

Detective Michael Ormewood wird zum Mord an einer Prostituierten gerufen. Ein anonymer Anrufer hatte die Polizei alarmiert. Was Detective Ormewood am Tatort sehen muss, ist nichts für schwache Lesernerven. Die Leiche, die im Treppenhaus liegt, ist verstümmelt, die Zunge liegt abgetrennt daneben. Die Frau ist an ihrem eigenen Blut erstickt, ergibt die Obduktion. War es derselbe Täter wie bei den drei Mädchen? Und wenn es sich um einen Serientäter handelt, warum wich er dann mit der älteren Prostituierten von seiner Fixierung auf junge Mädchen ab? Ormewood steht vor einem Rätsel - und dessen Lösung wird ihn in einer Art und Weise persönlich betreffen wie kein anderer Fall.

Dubiose Unterstützung

Detective Ormewood bekommt unfreiwillig Verstärkung: Special Agent Will Trent soll ihm bei den Ermittlungen helfen. Doch Ormewood wird das Gefühl nicht los, dass dieser Trent seine Arbeit eher behindert als unterstützt. Er will sich von Trent ein Bild machen, doch dessen Personalakte ist versiegelt.

Viel Zeit lässt ihnen der Mörder nicht, ehe er erneut zuschlägt. Ormewoods 15-jährige Nachbarin wird tot aufgefunden. Diesmal hat der Täter die Zunge mitgenommen. Noch mehr beunruhigt den Detective, dass die Verbrechen immer näher in sein persönliches Umfeld rücken. Mit der 15-Jährigen hatte er eine Affäre. Nun hat Ormewood Angst um seine Familie, um Frau und Kind.

Geklaute Identität

Doch noch ein dritter Mann ist auf der Suche nach dem Killer: John. Irgendjemand schnitt den Frauen die Zunge ab, wie damals bei Mary Alice, und John rückte dadurch erneut in den Kreis der Verdächtigen. Auf keinen Fall will er wieder ins Gefängnis, denn er ist sich nicht sicher, ob er einen weiteren Aufenthalt im Knast überleben würde.

Der Knast war die Hölle für John gewesen. Weil er der jüngste und schwächste war, hatten sich seine Mitgefangenen an ihm vergangen, bis er nicht mehr sitzen konnte und Windeln tragen musste. Er will nicht mehr ins Gefängnis und muss doch durch einen Zufall feststellen, dass ihm jemand seine Identität geklaut hat, während er einsaß. Es gibt einen zweiten Jonathan Winston Shelley in Atlanta und der, das spürt John, führt nichts Gutes im Schilde.

Ohne Weichzeichner

Drei Männer und ihre Geschichte. Jeder von ihnen hat dunkle Seiten, in jedem könnte ein Mörder schlummern, und doch gewinnt jeder von Ihnen schon nach ein paar Seiten wieder die uneingeschränkte Sympathie des Lesers. Mal ist der eine mehr verdächtig, mal der andere, aber eines ist gewiss: Einer derjenigen, die den Mörder suchen, sucht sich selbst.

Karin Slaughters Thriller erzielt Hochspannung durch einen höchst einfallsreichen Plot, durch die Zeitebenen, die sich durchdringen und doch ein Ganzes ergeben. Vor allem aber durch die Schilderung, wie ihre Romanfiguren wurden, was sie sind, und zwar in einer Direktheit, die einem die Kehle zuschnürt.

Die amerikanische Autorin, bekannt durch ihre erfolgreiche Grant-County-Reihe, setzt mit „Verstummt“ ihren gnadenlos direkten Stil fort. Doch gerade der zeichnet ihre Bücher aus. Denn wenn sie den Blick in menschliche Abgründe wagt, tut sie dies ohne Weichzeichner. Slaughter macht ihrem Namen einmal mehr alle Ehre. Nichts für Zartbesaitete, aber wer der harten Realität ins Auge blicken will, kommt voll auf seine Kosten.

Tina Full Frankfurt,
September 2008

 
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